Brief vom 10. Oktober 1745, von Sulzer, J. G. an Breitinger, J. J.

Datum: 10. Oktober 1745

Hochehrwürdiger, Hochgelahrter,
Insonders Hochgeehrter Herr.

Sie werden mit gütigst erlauben, über dero unlängst geschehene Beförderung meine aufrichtige Freüde gegen Sie zu bezeügen. Die Hochachtung welche ich seit der Zeit, da ich die Ehre habe Sie zukennen, von ihre besondere Verdienste habe, ist viel zu groß, als daß meine Freüde bey diesem Umstand verborgen bleiben könnte. Ich sehe diese Glükliche Begebenheit als einen Grund an, woraus nicht nur unserm Vaterlande, sondern überhaupt dem Staat der Wißenschafften großer Nuze bevorsteht, und der dem Reich der Unwißenheit und Dummheit großen Abbruch verursachen wird.

Ich wünsche mit allen Verehrern der Wahrheit und des guten Geschmacks, daß E Hochehrwürden die Vortheile dieses wolverdienten Glüks viele Jahre zur Ausbreitung der Wahrheit in unverrücktem Wolseyn anwenden können.

Anbey habe das Vergnügen E. Hocherw. beyliegendes Schreiben von meinem werthesten Lange mit deßen Davidischen Oden, die er E Hochw. zugeeignet zu überschicken. Ich habe gegründete Hoffnung, daß dieser redliche Man sein Wort halten, und die Vertheydiger der Dummheit auf das äußerste verfolgen wird. Es fehlet ihm an nichts, was zur Ausführung dieses Vorhabens nöthig ist.

Sonst ist mir diesfalls gar nicht neües bekannt, das dero Aufmerksamkeit würdig wäre. Ich verbleibe mit der größten Hochachtung

Hochehrwürdiger, Hochgelehrter
Insonders Hochgeehrter Hr.
E Hochehrwürden
gehorsamster Diener JGSulzer.

Magdeb. den 10 Octob 45.

Bearbeitung

Transkription: Jana Kittelmann
Kommentar: Jana Kittelmann
Status: In Bearbeitung

Überlieferung

ZB, Ms Bodmer 22.43

Anschrift

à Monsieur Jean Jaques Breitinger Ministre de St. Evangile á present á Zuric

Einschluss und mit gleicher Sendung

Brief Samuel Gotthold Langes vom 5. Oktober 1745 (ZB, Ms Bodmer 22.3) und dessen Oden Davids, 1746.

Vermerke und Zusätze

Siegelreste.

Eigenhändige Korrekturen

über dero
de über dero

Stellenkommentar

Sie
Johann Jakob Breitinger, 1701 geboren, studierte 1715 bis 1720 Theologie und Philologie am Zürcher Carolinum. Mit seinem drei Jahre älteren Mitstreiter Bodmer gründete er 1718 die »Gesellschaft der Maler« und gab die Moralische Wochenschrift Die Discourse der Mahlern heraus. In der Philologie und Literaturkritik zeichnete er sich durch wenige, aber wirkungsvolle Werke aus. Dauerhaften Einfluss erlangte Breitinger durch seine Lehrtätigkeit am Carolinum, ab 1731 als Professor für Hebräisch, ab 1740 für Logik und Rhetorik sowie ab 1745 für Griechisch. Im Juli 1745 wurde er zum Chorherrn am Grossmünster gewählt. In späteren Jahren setzte sich Breitinger vermehrt für die pädagogischen Reformen des Zürcher Schulsystems ein. Zu Breitingers Leben vgl. H. Bodmer, Johann Jakob Breitinger, 1897. – Bender Bodmer und Breitinger 1980. Neben Bodmer war Breitinger in den Jahren 1736–1739 Sulzers Lehrer und blieb darüber hinaus mit ihm im Kontakt. Die 6 überlieferten Briefe Sulzers an Breitinger umfassen den Zeitraum 1745–1752. Darüber hinaus ist Breitinger häufig Thema im Briefwechsel zwischen Sulzer und Bodmer.
Schreiben von meinem werthesten Lange
Siehe Einschluss. In dem am 5. Oktober 1745 in Laublingen verfassten Schreiben Samuel Gotthold Langes heißt es u. a.: »In was vor Glüklichen Zeiten lebe ich, da die Großen Kunstrichter Bodmer und Breytinger den Guten Geschmack ausbreiten.« Und über den preußischen König Friedrich II., der Thema vieler Oden Langes ist, steht zu lesen: »Kann man Friedrichs Unterthan seyn ohne einen Dichtertrieb zu fühlen?« (ZB, Ms Bodmer 22.3).
Vertheydiger der Dummheit
Gemeint ist Johann Christoph Gottsched und sein Kreis.