Brief vom 18. Februar 1772, von Sulzer, J. G. an Herder, J. G.

Ort: Berlin
Datum: 18. Februar 1772

Der Verfaßer der von der Academie gekrönten Schrifft über den Ursprung der Sprache, hat so viel wahre Philosophie in dieser Schrifft geäußert, daß er jedem Liebhaber der Philosophie ein wichtiger Man wird. Hieraus werden Sie, Mein Herr leicht abnehmen, daß ihr Schreiben wegen der Gelegenheit, die es mir verschafft näher mit Ihnen bekannt zu werden, mir sehr angenehm gewesen ist. Es macht mir ein großes Vergnügen zu sehen, daß die Philosophie, die von unseren Universitäten einerseits durch die sogenannten schönen Wißenschafften, andern theils durch die närrisch sogenannten Brodstudia, fast vertrieben worden, noch in einigen wenigen Köpfen in ihrer völligen Stärke vorhanden ist. Davon ist ihre Schrifft ein starker Beweis, und erwekt in mir den Wunsch, daß Sie oft Gelegenheit finden möchten, wichtige Materien der Philosophie zu behandeln.

Mir liegt noch immer die wichtige Frag am Herzen, wie viel die Cultur der Sprachen zur Ausbreitung und Verstärkung der Vernunfft beÿgetragen. Ich habe sie vor vielen Jahren der Academie zur Preisfrage vorgeschlagen. Aber sie wurd verkehrt vorgetragen, daß die Schrifft des Hrn. Hofrath Michaelis, dem damals der Preis gegeben wurd, meine Frage gar nicht beantwortet. Ich habe nachher in einer Academischen Schrifft Sur l’influence reciproque de la raison sur le langage et du langage sur la raison, die sich in unseren Memoires vom Jahr 1767 befindet, etwas näher zum Zwek führendes angezeiget. Aber es sind nur bloße Winke. Ich wünschte deßwegen sehr, daß jemand diese Sache weiter ausführte. Von einer beßren Cultur der Sprache erwarte ich so viel, daß ich allen deutschen Poeten und anderen witzigen Köpfen blos deßwegen gut bin, daß die Sprache durch sie gewinnt, wenn sie auch gleich sonst blos kindisches oder liederliches Zeug schreiben sollten.

Es ist beÿ der Academie überlegt worden, ob die eingesandte Erinnerung über ihre Schrifft noch könnte gedrukt werden. Es fand sich aber, daß die gedrukte Schrifft schon zu weit verbreitet ist, als daß es noch angehen könnte ihr ein besonderes Blatt beÿzufügen. Was den Artikel über den seel. Süßmilch betrifft, so habe ich mir schon die Freÿheit genommen ein paar Ausdrüke, die uns hier zu hart geschienen haben, etwas zu mäßigen; ob ich gleich sonst nicht finde, daß Sie dem Mann unrecht gethan, der würklich ganz ἀφιλοσοφος war. Um die Schreibart dürffen Sie desto unbekümmerter seÿn, da es der Academie gar nicht um eine Probe der Beredsamkeit, sondern um philosophisches Licht zu thun war, welches sie in ihrer Schrifft reichlich gefunden hat. Wollen Sie aber einiger Härtigkeiten und Nachläßigkeiten halber, die im Ausdruk sind entschuldigen, so könnte dieses füglich etwa durch eine Gelehrte Zeitung geschehen. Wären die Deutschen noch so eÿfrig um die Philosophie bemühet, wie vor 30 Jahren, so würde man bald eine neue Auflage ihrer Abhandlung besorgen müßen. Alsdenn könnten Sie alles nach Gefallen ändern.

Ich werde jede Nachricht von ihren vorhabenden philosophischen Arbeiten, mit großer Begierde empfangen, denn ob ich gleich itzt zum scharffen denken mich schon zu stumpf finde, so kann ich doch noch hier und da, das einsehen, was andre scharff gedacht haben.

Unter aufrichtiger Versicherung meiner Hochachtung hab ich die Ehre zu seÿn

Ew Hochehrwürd.

ergebenster Diener JGSulzer

Berl. d. 18 Febr. 1772

Bearbeitung

Transkription: Jana Kittelmann
Kommentar: Jana Kittelmann
Status: In Bearbeitung

Überlieferung

H: Bibliotéka Jagiellonska Krakau, Sammlung Autographa.

Anschrift

Monsieur Herder, conseiller au consistoire et chapellain de S. H. Mgr. Le comte de Lippe-Buckenb. á Buckebourg.

Vermerke und Zusätze

Siegel.

Stellenkommentar

Verfaßer
Gemeint ist der hier adressierte Johann Gottfried Herder, der mit seiner Abhandlung vom Ursprung der Sprache, 1772, die 1769 gestellte Preisaufgabe der Akademie gewonnen hatte. Vgl. dazu Neis Anthropologie im Sprachdenken des 18. Jahrhunderts: Die Berliner Preisfrage nach dem Ursprung der Sprache (1771) 2003. Sulzer nahm seit 1766 Anteil an Herders Arbeiten und setzte sich zum Teil unter anderem im Briefwechsel mit Johann Jakob Bodmer und Johann Georg Zimmermann kritisch mit ihm auseinander. Vgl. u. a. einen Brief Sulzers an Zimmermann vom 20. November 1775: »Bodmer meldet mir ferner, daß einige ihrer besten Köpfe durch den izt überhandnehmenden Herderismus gänzlich verdorben worden. Und ich selbst habe Spuhren hievon in Basel gesehen: Herder hat Göthe verdorben, und Göthe verdirbt hundert andere. Es scheint mir wichtig, daß man sich mit Ernst dem empfindsamen Unsinn, der die Stelle der Vernunfft einnehmen will, widerseze.« (LBH, Ms XLII,1933,A,I,I,93, Bl. 151). Vgl. zu Herder und Sulzer auch: Kittelmann Archiv der Critik 2018.
ihr Schreiben
Nicht ermittelt.
Hrn. Hofrath Michaelis
Johann David Michaelis, De l'influence des opinions sur le langage et du langage sur les opinions, 1760.
eingesandte Erinnerung
Herder hatte sich im Februar 1772 in einem Brief an Friedrich Nicolai von seiner Abhandlung distanziert und wollte eine Drucklegung noch verhindern, vor allem weil er zuvor von Johann Georg Hamann dafür kritisiert worden war. Vgl. Neis Anthropologie im Sprachdenken des 18. Jahrhunderts: Die Berliner Preisfrage nach dem Ursprung der Sprache (1771) 2003, S. 568.
Artikel über den seel. Süßmilch
Herder lehnte die von Johann Peter Süßmilch in dessen Versuch eines Beweises, daß die erste Sprache ihren Ursprung nicht vom Menschen, sondem allein vom Schöpfer erhalten habe, 1766, formulierten Thesen ab. Süßmilch war bereits 1767 verstorben.