Brief vom 1. Februar 1763, von Sulzer, J. G. an Lavater, J. C.

Datum: 1. Februar 1763

Winterthur d. 1 Febr.

Mein werthester Freund.

Ich habe mit ausnehmendem Vergnügen die Nachricht erfahren, daß wieder Hoffnung da sey in ihrer werthen Gesellschaft zu reisen. Doch bin ich auch hierüber nicht ohne furcht, es möchte noch etwas wiedriges dazwischen kommen. Wenn Sie nicht künftigen Dienstag, oder späthestens Mittwoch von Zürich verreisen können, so werde ich Sie schwerlich erwarten können. Ich stehe noch immer an, ob ich einen mir um einen gar leidlichen Preis angeboteten wagen kauffen soll oder nicht. Wenn ich gewiß wüßte ob daß die Gesellschaft könnte zusamen bleiben, so würde ich den Kauff machen. Künftigen Montag verreise ich, doch werde ich bis gegen das Ende der Woche mich in St. Gallen aufhalten, wohin Sie mit ihrer Gesellschaft zu Pferde nachkommen könnten. Dieses aber bitte ich für sich zu behalten. Schreibe Sie mir sobald möglich, was ich von Ihnen zu hoffen habe, so werde ich den Entschluß des wagens halber faßen, und falls wir zusamen bleiben können, die lezte Abende mit Ihnen treffen. Ich habe über den ungl. Landvogt kein schwereres Urtheil erwartet, ob ich es gleich schwerer würde gemacht haben. Empfehlen Sie mich ihren hochgeschäzten Eltern und allen Freünden.

Ich verbleibe von Herzen der ihrige

JGSulzer

Bearbeitung

Transkription: Jana Kittelmann
Kommentar: Jana Kittelmann

Überlieferung

H: ZB, FA Lav Ms 528.

Stellenkommentar

in St. Gallen aufhalten
Sulzer, der sich seit dem Herbst 1762 in der Schweiz aufhielt, plante über St. Gallen nach Preußen zurückzureisen, um dort Jakob Wegelin zu treffen.
ungl. Landvogt kein schwereres Urtheil
Vgl. [J. C. Lavater], Der ungerechte Landvogd oder Klagen eines Patrioten, 1762. Felix Grebel, Zürcher Patrizier, war seit 1755 Landvogt in Grüningen. Von Einwohnern der Landvogtei erhobene Beschwerden über Missbräuche in Grebels Regierung und der Verwaltung der öffentlichen Gelder veranlassten Johann Caspar Lavater und Johann Heinrich Füssli dazu, seine Amtsmissbräuche in Zürich bekannt zu machen. Die Studienfreunde, die erst im Frühjahr 1762 ordiniert worden waren, legten die privat gedruckte und nicht unterzeichnete Schrift in der Nacht vom 29. November 1762 in versiegelten Kuverts bei 50 Magistratspersonen vor die Haustür. Vgl. dazu Lavater Jugendschriften 2008, 1, S. 39–77, hier vor allem S. 61. Die sogenannte Grebel-Affäre führte zur Aufdeckung der anonymen Verfasser und zu ihrer ersten Berühmtheit als engagierte Patrioten und Republikaner. Das Gerichtsverfahren zur Anklage Felix Grebels, der als Mitglied einer Patrizierfamilie und als Schwiegersohn des Bürgermeisters H. J. Leu besonderen Schutz im Stadtrat genoss, dauerte bis zum März 1763.